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Bonn, Rosenmontag 2015. Die ganze Stadt feiert, der Zug bahnt sich seinen Weg durch die Zuschauermassen, Straßen voller Scherben, ausgelassene Stimmung allerorten. Allerorten? Nein, nicht so auf dem Frankenbadplatz, wenn es nach der Stadtverwaltung ginge. Die schon seit 2005 stattfindende Reggaeparty in der Bonner Altstadt wurde verboten. Der Oberbürgermeister hat höchst persönlich ein Statement dazu abgegeben. Eines, das auf viel Unverständnis gestoßen ist. Selbst die Industrie und Handelskammer hat das Verbot kritisiert. Die OrganisatorInnen der Party indess ließen sich nicht unterkriegen und meldeten eine Demo an. 40% Rede- und 60% Musikanteil im Wechsel, keine Glasflaschen und um 20 Uhr Ende. Das waren die Auflagen der Polizei. Gekehrt werden musste auch, das war aber nichts besonderes. Schon in den vergangenen Jahren haben Teilnehmer der Party gekehrt und den Platz eigenverantwortlich blitzeblank geputzt.

Mir persönlich war es ein Anliegen, den Konflikt, der hier ausgetragen wird, zu dokumentieren. Vor zwei Jahren, als ich gerade mit der Filmerei angefangen habe, hatte ich schonmal einen kurzen Zusammenschnitt gemacht. Dabei geht es mir nicht darum, ein möglichst professionelles Ergebnis vorzeigen zu können. Für mich ging es vor zwei Jahren und dieses Jahr darum, die Stimmung an diesem Tag einzufangen, so wie ich sie als Teilnehmer erlebe. Dahinter müssen filmerische Ansprüche, vor allem was Kameraführung angeht, erstmal zurückstehen. Aufgrund des Verbots war es mir dieses Jahr besonders wichtig, auch die Redebeiträge in Bild und Ton festzuhalten. Die Vorwürfe der Stadt gegenüber den OrganisatorenInnen sind nämlich absolut haltlos. Ich habe die Party in den letzten Jahren immer als absolut friedlich erlebt. Mit sehr viel Einsatz und Liebe haben die OrganisatorInnen in allen Jahren, in denen ich da war, eine für mich einmalige (alternative) Karnevalsparty auf die Beine gestellt.

Dieses Jahr war es dann eine Demo. Bei der ganzen Sache geht es nicht einfach um das Verbot einer Party. Es geht darum, dass alle Menschen das Recht darauf haben, ihre Stadt mitzugestalten und Räume zu nutzen. Die Demo war damit gleichzeitig eine Demo für Freiräume, die von subkulturellen Initiativen dringend gebraucht werden. Ich möchte nun nicht allzu sehr auf die konkrete Situation in Bonn eingehen. Es geht mir eher darum, die Demo in den Kontext von Bewegungen zu stellen, die sich in vielen verschiedenen Städten für ein „Recht auf Stadt“ einsetzen.

Erst neulich kam der Film „Wem gehört die Stadt – Bürger in Bewegung“ in die Kinos. Der Dokumentarfilm von Anna Ditges ist über die vergangenen vier Jahre entstanden und zeigt die Auseinandersetzungen in Köln-Ehrenfeld um das Helios-Gelände. Er zeigt das Tauziehen von BürgerInnen, Investoren und Stadtverwaltung um die Nutzung von Räumen in der Stadt. In Hamburg wurden Anfang 2014 Stadtteile zum „Gefahrengebiet“ erklärt, mit der Begründung, dass die Auseinandersetzungen um die Rote Flora zwischen Polizei und Demonstranten nicht mehr friedlich verliefen. Dort geht es um die Nutzung eines exponierten, und schon seit langer Zeit besetzen Gebäudes. Die Nutzung, aber vor allem der Symbolcharakter der Roten Flora sind hier Kristallisationspunkte von Interessenskonflikten, die in Hamburg, aber auch in anderen Städten stattfinden. So unterschiedlich diese Konflikte von Stadt zu Stadt sind, im Zentrum liegt meistens das Anliegen, dass Menschen sich nicht zugunsten von Einkaufszentren und anderen kommerziellen Nutzungen aus ihren angestammten Stadtteilen verdrängen lassen wollen.

Diese Konflikte sind absolut notwendig, wenn es darum geht, eine Stadt lebenswert zu machen. Gleichzeitig muss jeder Protest friedlich verlaufen. Ich möchte gar nicht erst versuchen zu beurteilen, warum es in Hamburg zu den Auseinandersetzungen gekommen ist und wer daran Schuld war. Dazu kann sich jeder ein eigenes Bild machen. Ich bin einfach nur froh darüber, dass in Bonn am Rosenmontag eine absolut friedliche Demo stattfand, die das Anliegen der TeilnehmerInnen und OrganisatorInnen auf sehr schöne Weise nach außen getragen hat. Ich hoffe, dass auch die Stadtverwaltung bald merkt, dass sie alle Menschen in ihrer Stadt Ernst nehmen muss. Für jeden Filmemacher sind solche Prozesse jedenfalls außerordentlich spannend. Mal sehen, wie es weiter geht.

BonnBetterKnow hat übrigens den Sound beigesteuert! Diesen und einige Infos und Links zur Demo findet ihr im Blog von BonnBetterKnow.

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